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Früher hieß der Vorsatz: heute Abend schreibst du den Blogartikel. Dann saß ich da und tippte, drei Stunden lang, mit Pausen, in denen ich den Absatz von oben nochmal las und die Hälfte davon wieder wegwarf. Tippen ist langsamer als Denken und noch ein gutes Stück langsamer als Reden.
Heute rede ich. Ein paar Gedanken ins Handy, hinein in ein System, dem ich beigebracht habe, wie ich schreibe. Was herauskommt, ist ein Artikel, mit dem ich schon gut zurechtkomme: etwas nachziehen, ein paar Sätze umstellen, fertig. Die Veröffentlichung läuft ohnehin von selbst. Fünf Minuten statt drei Stunden.
Zwei Stunden 55 gespart.
Nur ist gespart das falsche Wort. Die Zeit landet auf keinem Konto. Ich fülle sie sofort mit anderen Dingen, und weil das jedes Mal so läuft, packe ich inzwischen deutlich mehr in einen Tag als vor einem Jahr. Das ist der Teil, über den selten jemand redet, wenn er von Zeitersparnis durch KI schwärmt. Verschoben ist das richtige Wort. Und obendrauf lädt man sich mehr auf.
Aufgeschrieben habe ich das, weil wir in meiner Weiterbildung gerade Bergfest haben. Sechs Wochen KI-Agenten und Automatisierung mit n8n, drei davon liegen hinter uns. Am Montagmorgen wollte der Trainer von jedem in der Runde wissen, wie er seine eigene Produktivität einschätzt, auf einer Skala von eins bis zehn. Die Antworten gingen querbeet. Bei mir kam statt einer Zahl das hier heraus.
Der Preis steht abends auf der Rechnung
Es gibt Abende, an denen ich nicht mehr zusammenbekomme, was ich den Tag über eigentlich gemacht habe. Nicht, weil zu wenig passiert wäre. Weil zu viel Verschiedenes passiert ist, und weil jeder einzelne Schritt so schnell ging, dass er keine Spur, keine bleibende Erinnerung hinterlassen hat. Wer früher drei Wochen an der Website eines Kunden gebaut hat, wusste hinterher noch, an welchem Dienstag welches Menü umgezogen ist. Wer dieselbe Website an drei Nachmittagen baut, weiß das nicht mehr.
Ich sage trotzdem: Ich will nicht zurück. Wenn ich meine heutige Arbeitsweise auf die Jahre lege, in denen ich Sendungen und Redaktionen verantwortet habe, dann hätte ich damals gern so gearbeitet, weil ich schon immer möglichst schnell an ein verwertbares Ergebnis kommen wollte – das gehört zum Wesen des aktuellen Journalimus. Wir haben bei allen Neuerungen immer getestet, ob uns ein neues Tool bei gleichbleibender Qualität auch schneller macht.
Werkzeuge wie heute gab es noch nicht. Automationen in Kombination mit KI – ich habe in der Kursrunde heute von „Produktivität auf Steroiden“ gesprochen, und das trifft es ganz gut, samt der Nebenwirkungen, die in dem Bild stecken.
Die Frage, auf die ich keine Antwort habe
Wo hört diese Art von Produktivität auf? Ich weiß es nicht, und ich sehe die Grenze nach oben bislang auch nicht, weil sich mit jedem Werkzeug, das ich mir erschließe, sofort die nächste Sache auftut, die vorher zu aufwendig gewesen wäre.
Damit hängt eine zweite Frage zusammen, die mich mehr beschäftigt: Was ist die neue Währung? Ich brauche für ein Ergebnis ein Zehntel der Zeit, die ich vor zwei Jahren gebraucht hätte. Solange in Stunden abgerechnet wird, ärgern sich darüber beide Seiten: Ich verdiene an derselben Arbeit weniger, je besser ich darin werde, sie schnell zu erledigen, und mein Auftraggeber hat das Gefühl, zu viel gezahlt zu haben, sobald er hört, dass mir drei Stunden für ein Tagwerk ausgereicht haben. Oder verkaufe ich nur das Ergebnis, das das dem Kunden den gewünschten Mehrwert beschert? Ich tendiere zum Zweiten, aber so richtig festgezurrt ist das noch nicht.
Und dann kommt der schwierigere Teil
Das alles gilt für mich, allein, an meinem Schreibtisch. Interessant wird es an der Stelle, an der ich es in eine Organisation hineinbringe. Da sitzen Menschen, die ihren Job seit zwanzig Jahren gut machen und die von diesen Strukturen und Möglichkeiten noch nichts gesehen haben. Für sie ist das erst einmal eine Zumutung: neue Werkzeuge, neue Reihenfolgen, und dahinter die Frage, die niemand laut stellt: Werde ich hier noch gebraucht, wenn die Maschine ausgerechnet den Teil übernimmt, den ich am besten kann?
Da beginnt meine eigentliche Arbeit, und sie beginnt nicht beim Workflow, sondern bei den Leuten, die morgen damit arbeiten sollen und die vorher wissen wollen, was ihnen die Maschine abnimmt und was nicht. Ein Trainer aus meinem Kurs hat das an einem Vormittag treffend gesagt: Was wir hier in sechs Wochen an Tempo erleben, geht in den Köpfen der Mitarbeiter genauso vor, wenn im Betrieb KI eingeführt wird. Ein anderer Teilnehmer, früher Geschäftsführer, schreibt aus demselben Grund gerade zusammen mit seinem Arzt ein Buch darüber, wie man bei diesem Tempo abends wieder zur Ruhe kommt. Übertrieben finde ich das nicht.
Drei Wochen kommen noch und was ich darin lerne, legt sich auf das, was schon da ist. Danach möchte ich das Ganze im freien Feld ausprobieren: bei Kunden, mit Kolleg:innen, in Betrieben, in Vereinen, überall dort, wo bisher niemand diese Werkzeuge in der Hand hatte. Darauf freue ich mich mehr als auf jedes weitere Kursmodul. Denn was wir hier gerade lernen, geht nicht wieder weg, und das Potenzial für effizientes Arbeiten ist damit deutlich größer geworden, als es vor einem Jahr war. Wer heute versteht, wie diese Systeme ineinandergreifen, hat in zwei Jahren einen anderen Arbeitsalltag als der Rest.