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Die Mannheimer Reise nach Qingdao – warum sie gerade jetzt so wichtig ist

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Qingdao und Deutschland verbindet eine ganz eigene Geschichte. Sie spiegelt sich heute in vielen Partnerschaften wider. Wie passen sich die Mannheimer Beziehungen zur Metropole am Gelben Meer in dieses Geflecht ein und welche Aufgaben hat sich die Mannheimer Delegation für den aktuellen Besuch vorgenommen? Ein Überblick.

Die deutsche Kolonialzeit in Qingdao von 1897/98 bis 1914 hat ihre Spuren hinterlassen: Die „roten Dächer“ (wegen der deutschen Ziegel), eine Kirche, eine Schule, die Kanalisation, das Verwaltungssystem, den Gouverneurspalast, nicht zuletzt eine Brauerei hat Qingdao den Deutschen zu verdanken. Tatsächlich empfinden die Menschen in Qingdao die Kolonialzeit in der Rückschau nicht als Zeit der Unterdrückung, sondern als eine Zeit, in der sich Chancen aufgetan haben. Die deutsche Karte spielt die Stadt heute mehr denn je. Die Provinz Shandong, in der Qingdao gelegen ist, unterhält eine Freundschaft zum Land Bayern; die Stadt selbst verzeichnet alleine vier deutsche Partnerstädte auf ihrer Wikipedia-Seite – und da ist Mannheim noch gar nicht dabei. Gleichwohl versicherten Verantwortliche der Stadt bei einem früheren Besuch, die Verbindung nach Mannheim sei ihr eine der wichtigsten.

Qingdao – Tor nach Deutschland und umgekehrt

Qingdao sieht sich als das Tor der Deutschen nach China – und sie profitierte davon. Der heutige multinationale Elektro- und Elektronikkonzern Haier (Link zu Wikipedia) beispielsweise ging seit 1984 aus einer Kooperation mit dem deutschen Unternehmen Liebherr hervor. Der anfänglichen Lizenz-Produktion von Kühlschränken folgte mehr „weiße Ware“, Waschmaschinen, Wäschetrockner, Kühltruhen und mehr und und mehr Unterhaltungselektronik. Heute hat Haier ca. 70.000 Mitarbeiter und macht einen Umsatz von umgerechnet etwa 24 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Qingdao streckt also traditionell seine Fühler nach Deutschland aus – und ein Blick in die nach Deutschland geschlossenen Bande zeigt, dass nicht nur mit Mannheim rege Kontakte bestehen. Mit Wilhelmshaven unterhält die Stadt eine Hafen-Partnerschaft und tauscht sich hier auf fachlicher Ebene aus. Die Rhein-Ruhr-Region knüpfte vor allem unter wirtschaftlichen Aspekten Kontakte zu der Stadt in Ostchina.

Auf der Webseite der Stadt Regensburg heißt es:

“Jährlich reist nun eine Wirtschaftsdelegation im November nach China, um dort den Markteintritt auch für mittelständische Unternehmen zu ebnen. Eine offizielle Partnerschaft zwischen der Hochschule Regensburg und der Qingdao University of Technology und Science wurde abgeschlossen. Regensburger Professoren hielten im November 2008 eine Blockvorlesung zum Themenbereich IT-Sicherheit. Drei Regensburger Gymnasien pflegen einen Schüleraustausch. Die Schüler nutzen den Aufenthalt in Qingdao, um die in Regensburg erworbenen Chinesischkenntnisse zu testen und zu vertiefen. Im Bereich Altstadtsanierung besteht ein intensiver Austausch auf Verwaltungsebene.”

Eine Stadt – viele Freundschaften

Eng sind auch die Bande nach Paderborn. Auf RNF-Anfrage schildert der frühere Partnerschaftskoordinator der Stadt, Ulrich Wibbeke, wie sich die Kontakte entwickelten – etwa beim Schüleraustauschprogramm: Wollten am Anfang nur sechs Schüler des Gymnasiums Schloss Neuhaus die chinesische Freundschaftsstadt kennenlernen, reichen die zur Verfügung stehenden Plätze heute nicht mehr aus. Erst am Montag kamen wieder Schüler der „Middle School No. 39“ aus Qingdao in Paderborn an, Zehntklässler, um hier für zwei Wochen das Leben in Deutschland aufzusaugen. Umgekehrt nehmen deutsche Schülerinnen und Schüler den Aufenthalt in China, bei dem sie die Lebensumstände, finanziellen Verhältnisse und kulturellen Besonderheiten des Landes kennenlernen, als äußerst wertvoll wahr.

Seit 15 Jahren besteht bereits eine Kooperation der Universität Paderborn mit der Technischen Universität Qingdao. In dieser Zeit kamen bisher mehr als 1000 Studierende der Chinesisch-Deutschen Technischen Fakultät nach Paderborn, um nach dem Grundstudium in China ihr Studium in Deutschland abzuschließen. „Seit drei Jahren funktioniert das auch umgekehrt“, so Ulrich Wibbeke. Aus der akademischen Verbindung entstand die offiziell 2004 geschlossene Städtefreundschaft. Höhepunkt dieser Kooperation sei ein deutsch-chinesisches Theaterstück mit Schauspielern aus beiden Städten gewesen, das 2011 erst in Qingdao und ein halbes Jahr später in Paderborn aufgeführt wurde: „Die Geschichte von ‚Der Zahn des Drachen‘ kennt in China jedes Kind. Es wurde so inszeniert, dass die Chinesen chinesisch sprachen, die Deutschen deutsch, und so konnte jeder Zuschauer, ob Deutscher oder Chinese, die Handlung erfassen“, erinnert sich Ulrich Wibbeke, „das war eine super Sache, die weithin Beachtung fand.”

Auf der wissenschaftlichen und bürgerschaftlichen Ebene läuft der Austausch mit den Chinesen in Paderborn gut, „eine wirtschaftliche Verankerung unserer mittelständischen Unternehmen in China hat bisher allerdings nicht gefruchtet“, so Wibbeke.

Mannheim nimmt ein dickes Aufgabenpaket mit nach Qingdao

Im Vergleich mit anderen deutschen Freundschaften nach Qingdao braucht sich Mannheim nicht zu verstecken. Die schiere Größe der Reisegruppe von fast 90 Personen zeigt das Interesse Mannheims und der Region an der Verbindung nach China. Dass beim anstehenden Besuch der seit 1995 bestehende Freundschaftsvertrag bekräftigt und erweitert werden soll und zusätzlich die Unterzeichnung von Kooperationsverträgen der jeweiligen Stadtarchive und zwischen Dualer Hochschule und Technical College Qingdao auf dem Plan stehen, zeigt, wie ernst es beiden Seiten mit der Vertiefung der gegenseitigen Beziehungen ist. Die Wissenschaft macht hier den Vorreiter.

Auf „botanischer” Ebene wird es künftig eine noch engere Zusammenarbeit geben: Nach der Teilnahme Mannheims und der Region an der IGA soll sich Qingdao im Gegenzug auch bei der BUGA23 in Mannheim präsentieren. Bereits in der Vergangenheit hatte China mit dem Chinesischen Garten im Mannheimer Luisenpark bereits einen Kristallisationspunkt, der als Bindeglied im kulturellen Bereich diente. Davon hat auch Qingdao, etwa bei den Auftritten der Kinderkünstlertruppe von Xiao Bai Fan, bereits profitiert. „Es gibt eine kleine interessierte Gemeinde in der Region, die unsere chinesischen Veranstaltungen sehr zu schätzen weiß“, sagt Stadtpark-Geschäftsführer Joachim Költzsch, „insgesamt, würde ich sagen, sind die engen Kontakte der Region nach China in der Bevölkerung angekommen”.

Nachlegen muss Mannheim noch im bürgerschaftlichen Austausch. Schüler aus der Quadratestadt reisten bisher zwar nach Zhenjiang, aber nicht nach Qingdao. Dabei macht es gerade der internationale Ansatz der 8,5-Millionen-Metropole dem Besucher leicht sich zu orientieren – viele Menschen sprechen Englisch oder gar Deutsch, zumindest in Bruchstücken. Die deutschen Überbleibsel in der Stadt – beispielsweise ein gußeiserner Gullydeckel vor der Kirche in der Altstadt oder das Mobiliar aus deutscher Fabrikation aus der Zeit um 1900 im Gouverneurspalast – schaffen emotionale Nähe. Ein Coup wie ihn Paderborn mit dem Theaterstück „Der Zahn des Drachen“ gelandet hat, könnte ein Eisbrecher sein, um auch die „Mannemer von der Gass’“ und nicht vor allem Institutionen für die Freundschaft nach China zu interessieren.

Im Segment der wirtschaftlichen Zusammenarbeit wird sich Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz gemeinsam mit Projektleiter Dr. Norbert Egger kräftig ins Zeug legen müssen, um nach der Reise neben sicherlich vielen gegenseitigen Sympathiebekundungen auch einen zählbaren Erfolg präsentieren zu können. Der Besuch des Kreativwirtschaftszentrums „Creative 100″ in Qingdao im Jahr 2010 brachte noch keinen tragfähigen Austausch – die Delegation startet in diesem Jahr einen neuen Versuch. Außerdem stehen Gespräche mit möglichen Investoren an, die Kapazitäten auf den freien Konversionsflächen im Mannheimer Stadtgebiet belegen könnten – Ausgang völlig offen. Als wertvoller wirtschaftlicher Anker könnte sich die Unterzeichnung eines Kooperationsvertrags des Mannheimer MAFINEX Technologiezentrums mit dem Sino-German Ecopark erweisen. Das völlig neu bebaute Areal Industrieareal erinnert in seiner Anlage mit Ringmauern und Quadraten sogar ein wenig an Mannheim. Der Name ist irreführend: Es ist in Wahrheit nicht nur ein Gewerbegebiet, sondern eine Stadt in der Stadt mit Industrie, Wohnbebauung und einer Schule, streng unter ökologischen Gesichtspunkten auf einer Fläche von 11,6 Quadratkilometern angelegt. Eine Modellstadt, gewissermaßen. Sie ist gerade erst in der Entwicklung und könnte für Firmen aus der Region eine Anlaufstelle für die Expansion in Richtung Asien werden.

Abseits der „Mannheim Woche“ während der Internationalen Gartenbau-Ausstellung, dem eigentlichen Anlass der Reise, ist das Aufgabenbuch der Delegation also prall gefüllt. Es geht bei dieser Reise nicht nur um die Präsentation auf einer – wenn auch beeindruckenden – Gartenschau, sondern letztlich darum, sich künftig eine Schlüsselposition in den Kontakten der „Stadt der Deutschen“ in China zu sichern. Dr. Norbert Egger hat in den vergangenen Jahren mit großem Engagement und in oft mühevoller Kleinarbeit das Fundament dafür gelegt – darauf muss nun ein stabiles Haus gebaut werden.