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Neunzig Minuten bis zur Einladung

Eine Hand hält am Abend ein Smartphone mit einer Liveblog-Zeitleiste über einen Schreibtisch, dahinter ein aufgeklappter Laptop, ein Notizblock mit Stift und eine dampfende Tasse im Licht einer Schreibtischlampe

Lesezeit: 244 Sekunden

Um 18:09 Uhr kam die Einladung. In meiner WordPress-Installation lag ein Beitragsentwurf, darin ein Liveblog, daneben eine App fürs Handy. Ich habe einen Eintrag getippt, in einem zweiten Fenster zugeschaut, und nach ein paar Sekunden stand er da. Ich saß vor dem Bildschirm und war baff. Bin ich immer noch.

Anderthalb Stunden vorher hatte ich Claude aufgeschrieben, was ich mir wünsche. In einem einzigen Prompt, mit dem Modell Opus 5.5, das Anthropic am Vortag veröffentlicht hatte. Dazu die Ansage: nicht fragen, bauen, und mich einladen, wenn es fertig ist.

Der Journalist in mir

Seit Juni habe ich mich in den Themenkomplex KI hineingearbeitet, drei Kursmodule, dazu so ziemlich alles ausprobiert, was mir unterkam. Der Journalist in mir hat das die ganze Zeit mitgelesen und im Kopf mögliche Anwendungsfälle entwickelt: Was könnte ich mit dem neuen Wissen jetzt anfangen, bauen, implementieren? Was ich in diesem Beruf immer erreichen wollte, ist die schnelle, verlässliche Information über das, was gerade passiert, für alle, die gerade woanders sind.

Ein starkes Werkzeug dafür ist der Liveblog. Wenn irgendwo etwas einigermaßen Wichtiges geschieht, machen tagesschau, ZDFheute, die dpa für ihre Zeitungskunden und andere einen auf und tickern die aktuellsten Entwicklungen hinein, Eintrag für Eintrag. Näher und unmittelbarer geht’s kaum, außer natürlich mit einem Video-Livestream. Obwohl auch die immer leichter zu realisieren sind, haben Live-Ticker ihre Berechtigung: Beim Fußball sind sie beliebt, bei Parteitagen, bei Unwettern seit Jahren ein journalistisches Standardformat. Die Werkzeuge, die ich dafür kannte, hatten zwei Haken: Mobil war die Arbeit damit mühsam, und die Monatslizenz war nicht ohne.

Also habe ich Claude aufgeschrieben, was ich gerne hätte: Ein Live-Blogging-Werkzeug für meine drei Webseiten, fertig eingerichtet. Nicht nur für mich, sondern potenziell für ein Team mit Rollen. Text, Bild, Ton, Video, Einbettungen. Einträge vom Handy, auch als Sprachnachricht, wenn’s mal ganz schnell gehen muss und der Reporter quasi im Laufen noch eine Nachricht absetzt. Der Liveblog sollte mitten in einem normalen Beitrag sitzen können, der die Rahmenberichterstattung darstellt, quasi als lebendiges Element der Nachrichtenseite über ein Ereignis, angepasst an das Layout und die Farben der jeweiligen Seite. Und am Ende wollt ich noch ein Paket mit der Liveblog-Software, damit jemand anders das bei sich auch installieren kann.

Erst geschaut, was der Markt kann

Losgelegt hat Claude mit einer Recherche: Was ist bei Liveblogs Stand der Technik, welche Funktionen bieten die großen Werkzeuge, was erwarten Redaktionen? Daraus kamen Funktionen, die auf meiner Liste fehlten, und Claude hat sie in eigenem Code nachgebaut. Über diesen Teil habe ich mich als Journalist am meisten gefreut, denn da hat Claude das Handwerk verstanden:

  • „Das Wichtigste“ steht oben in einem eigenen Kasten, für alle, die später dazukommen.
  • Kernereignisse lassen sich markieren und filtern, damit niemand durch hundert Einträge scrollen muss.
  • Neue Einträge springen nicht ins Bild. Wer gerade liest, bekommt den Hinweis „1 neuer Beitrag“, statt dass ihm die Seite unter der Nase wegrutscht.
  • Jeder Eintrag hat einen eigenen Link zum Teilen.

Jede dieser Funktionen ist eine redaktionelle Entscheidung. Ich hätte sie vermutlich erst beim ersten echten Einsatz vermisst.

Es sitzt in meiner eigenen Werkstatt

Den Namen, Tickerwerk, hat Claude sich selbst ausgesucht. Viel mehr als der Name hat mich aber beeindruckt, wie selbstverständlich das Werkzeug in meine Umgebung passt. Es läuft in meinen drei Blogs, jeweils im Aussehen der Seite. Einträge schicke ich per Telegram, über denselben Chat, in dem ich auch meine Social-Media-Beiträge freigebe. Eine Sprachnachricht wird von meiner eigenen Automatisierung in Text umgewandelt und landet als Eintrag im Liveblog.

Irgendwann an diesem Abend hat mein digitales Helferlein dann einen eigenen Eintrag in meinen Test-Liveblog geschrieben, samt selbst gezeichnetem Profilbild. Den Test-Liveblog gibt es übrigens noch, mit meinem ersten Video und der ersten Sprachnachricht über Telegram.

Verbessern, wann ich will

Was mir beim Ausprobieren am Handy und am Desktop auffiel, habe ich Claude gesagt, und es war am selben Abend geändert, auf allen drei Seiten. Die neuen Fassungen verteilt mein eigenes Blog an die beiden anderen. Einen Dienstleister musste ich dafür nicht einschalten, und auf das nächste Update eines Anbieters warte ich auch nicht mehr.

Für diese Art zu arbeiten gibt es inzwischen ein Wort. Vibe Coding heißt es, wenn man einer KI in Alltagssprache beschreibt, was man braucht, und sie den Code schreibt. Collins, der Wörterbuchverlag, hat es zum Wort des Jahres 2025 gewählt.

Das macht mir im Moment so viel Spaß. Ich baue mir Stück für Stück eine Umgebung, in der ich so arbeiten kann, wie ich es für richtig halte. Wo etwas fehlt, kommt es dazu, und wo etwas stört, wird es geändert. Der Journalist in mir hat sich jedenfalls gemeldet: Neues entdecken, erarbeiten und darüber berichten. So wie hier.