Lesezeit: 239 Sekunden
Die Arbeitsstelle Medienwirkungsforschung der FU Berlin hat ein Online-Experiment mit 1.344 Teilnehmenden aus den USA ausgewertet. Alle sahen denselben Nachrichtenclip zum Klimawandel, präsentiert von einem KI-Moderator, also einem am Rechner erzeugten Gesicht mit synthetischer Stimme. Einem Teil der Befragten sagten die Forschenden vorher, dass der Beitrag vollständig von einer KI stammt. Diese Gruppe bewertete Inhalt und Moderator als weniger glaubwürdig. An der Zustimmung zur präsentierten Klimapolitik änderte sich über die Versuchsbedingungen hinweg mit wenigen Ausnahmen nichts. Die Untersuchung von Estel Huh, Pascal Merz (beide RPTU Kaiserslautern-Landau) und Christian von Sikorski (FU Berlin) ist frei zugänglich, die Mitteilung dazu steht bei der FU.
Sichtbare Herkunft senkt die gemessene Glaubwürdigkeit
Meine Haltung: KI ist ein Werkzeug, die Freigabe eines Beitrags liegt bei einem Menschen, und die Herkunft muss sichtbar sein. Huh, Merz und von Sikorski zeigen, dass diese Sichtbarkeit einen Preis hat. Dennoch ist die Kennzeichnung richtig. Gerade in Zeiten, in denen KI-Inhalte nicht selten schon zu Manipulation und Desinformation genutzt werden, halte ich es für wichtig, volle Transparenz mit diesem Produktionsmittel zu zeigen; gleichzeitig aber aber auch zu betonen, dass die Inhalte journalistisch von Menschen bewertet und für richtig und wahrheitsgemäß befunden wurden. Daran muss sich die Berichterstattung am Ende messen lassen.
Wenn man genauer in die Studie liest, bemerkt man zwei Aspekte, die man bei der Bewertung einkalkulieren sollte. a) Der Effekt verteilt sich ungleich: stark war er bei Personen mit negativer Einstellung zu KI und bei politisch liberalen und moderaten Befragten, bei konservativen Befragten fiel er weg. Dazu kommt – b) – der Aufbau des Experiments. Es lief in den USA, mit einem Clip zum Klimawandel, einem politisch stark aufgeladenen Thema. Auf deutsches Regionalfernsehen lässt sich das Ergebnis also nicht ohne Weiteres übertragen.
29 Prozent erkannten den KI-Moderator
Für den deutschen Markt gibt es Zahlen aus der Studie Akzeptanz von Prozessautomatisierung und Künstlicher Intelligenz in der Medienbranche. Auftraggeberin war die Landesanstalt für Medien NRW, durchgeführt hat sie die GIM, 1.022 Online-Interviews, erhoben vom 13. bis 22. Dezember 2023, veröffentlicht am 21. März 2024. Den Befragten wurden je zwei kurze Videobeiträge gezeigt, einer mit KI-Unterstützung erstellt, einer ohne.
Den KI-Moderator als solchen erkannten 29 Prozent. Umgekehrt stuften 23 Prozent den Originalbeitrag fälschlich als KI-gestützt ein. Bei den Beiträgen, in denen nur eine Stimme zu hören war, erkannten 44 Prozent die KI-Variante. Fast genauso häufig hielten die Befragten dort das Original für KI-gestützt. Die Verwechslung läuft in beide Richtungen. Bewertet wurden die beiden Moderatorenbeiträge ähnlich: authentisch 76 zu 74 Prozent, Informationen glaubwürdig 44 zu 48 Prozent zugunsten des Originals.
Sascha Devigne, dessen Regionalsender Studio47 früh auf KI in Produktion und Moderation gesetzt hat, damit die Redaktion mehr Zeit für Inhalte hat, hat in einem Vortrag bei den Lokalrundfunktagen 2024 aus dieser Untersuchung berichtet – nicht zuletzt, weil er einer der Avatare war, die den Nutzer:innen präsentiert wurden: keine Irritation beim Ansehen von KI-Avataren, den Unterschied zwischen echt und KI hätten die Zuschauer oft nicht erkannt.
Mit den Erkennungsraten deckt sich Saschas Wiedergabe. Dieselben Befragten nennen aber Bedingungen: Eine Kennzeichnungspflicht halten 74 Prozent für (sehr) wichtig, eine verbindliche Rechenschaftspflicht 69 Prozent, eine unabhängige Aufsicht 68 Prozent, freiwillige Verhaltensregeln 61 Prozent. Das Fazit der Autoren: Je mehr menschliche Kontrolle vorhanden ist, desto größer fällt die Akzeptanz aus.
Für das Vorlesen von Nachrichten halte ich KI-Präsentatoren für vertretbar
Es geht dabei um die Vermittlung von Information. Die soll ablenkungsfrei und deutlich geschehen, damit Nutzerinnen und Nutzer den Inhalt aufnehmen. Bei Formaten, in denen es um Emotion und Empathie geht, um Zwischenmenschliches, habe ich Vorbehalte. Möglicherweise belehrt uns die Macht des Faktischen da eines Besseren.
Das Publikum sah es Ende 2023 anders als ich. KI-gestützte Berichterstattung hielten 58 Prozent beim Wetterbericht für vertretbar, bei Nachrichten waren es 33 Prozent, bei Politik 27 Prozent.
Beiträge, die von „echten“ Moderatorinnen und Moderatoren präsentiert werden, würden sich 61 Prozent ansehen. Bei komplett von KI erstellten und präsentierten Beiträgen sind es 35 Prozent. Die Nutzungsbereitschaft für den gezeigten KI-Moderatorenbeitrag lag bei 37 Prozent, für den reinen Stimmbeitrag bei 55 Prozent. Meine Position steht damit gegen die Mehrheit der damals Befragten.
41 Prozent erhoffen sich mehr regionale Berichterstattung
41 Prozent sehen in KI eine Chance, mehr regionale Berichterstattung zu erstellen, 40 Prozent eine Chance für mehr Angebotsvielfalt, weil Produktionskosten sinken. Wer damit rechnet, sollte die andere Seite mitrechnen: Im Regionalfernsehen hing nach meinem Eindruck aus der Zeit als Moderator und Chefredakteur ein Teil der Glaubwürdigkeit an einem bekannten Gesicht.
Zwei Dinge, auf die ich bei jedem Angebot mit KI-Präsentation achten würde. Erstens: Steht die Kennzeichnung dort, wo jemand sie sieht, im Bild und in der Beschreibung, nicht im Impressum. Zweitens: Gibt es einen Menschen mit Namen, der den Beitrag freigegeben hat und für ihn geradesteht.
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Die Arbeitsstelle Medienwirkungsforschung der FU Berlin hat ein Online-Experiment mit 1.344 Teilnehmenden aus den USA ausgewertet. Alle sahen denselben Nachrichtenclip zum Klimawandel, präsentiert von einem KI-Moderator, also einem am Rechner erzeugten Gesicht mit synthetischer Stimme. Einem Teil der Befragten sagten die Forschenden vorher, dass der Beitrag vollständig von einer KI stammt. Diese Gruppe bewertete Inhalt und Moderator als weniger glaubwürdig. An der Zustimmung zur präsentierten Klimapolitik änderte sich über die Versuchsbedingungen hinweg mit wenigen Ausnahmen nichts. Die Untersuchung von Estel Huh, Pascal Merz (beide RPTU Kaiserslautern-Landau) und Christian von Sikorski (FU Berlin) ist frei zugänglich, die Mitteilung dazu steht bei der FU.
Sichtbare Herkunft senkt die gemessene Glaubwürdigkeit
Meine Haltung: KI ist ein Werkzeug, die Freigabe eines Beitrags liegt bei einem Menschen, und die Herkunft muss sichtbar sein. Huh, Merz und von Sikorski zeigen, dass diese Sichtbarkeit einen Preis hat. Dennoch ist die Kennzeichnung richtig. Gerade in Zeiten, in denen KI-Inhalte nicht selten schon zu Manipulation und Desinformation genutzt werden, halte ich es für wichtig, volle Transparenz mit diesem Produktionsmittel zu zeigen; gleichzeitig aber aber auch zu betonen, dass die Inhalte journalistisch von Menschen bewertet und für richtig und wahrheitsgemäß befunden wurden. Daran muss sich die Berichterstattung am Ende messen lassen.
Wenn man genauer in die Studie liest, bemerkt man zwei Aspekte, die man bei der Bewertung einkalkulieren sollte. a) Der Effekt verteilt sich ungleich: stark war er bei Personen mit negativer Einstellung zu KI und bei politisch liberalen und moderaten Befragten, bei konservativen Befragten fiel er weg. Dazu kommt – b) – der Aufbau des Experiments. Es lief in den USA, mit einem Clip zum Klimawandel, einem politisch stark aufgeladenen Thema. Auf deutsches Regionalfernsehen lässt sich das Ergebnis also nicht ohne Weiteres übertragen.
29 Prozent erkannten den KI-Moderator
Für den deutschen Markt gibt es Zahlen aus der Studie Akzeptanz von Prozessautomatisierung und Künstlicher Intelligenz in der Medienbranche. Auftraggeberin war die Landesanstalt für Medien NRW, durchgeführt hat sie die GIM, 1.022 Online-Interviews, erhoben vom 13. bis 22. Dezember 2023, veröffentlicht am 21. März 2024. Den Befragten wurden je zwei kurze Videobeiträge gezeigt, einer mit KI-Unterstützung erstellt, einer ohne.
Den KI-Moderator als solchen erkannten 29 Prozent. Umgekehrt stuften 23 Prozent den Originalbeitrag fälschlich als KI-gestützt ein. Bei den Beiträgen, in denen nur eine Stimme zu hören war, erkannten 44 Prozent die KI-Variante. Fast genauso häufig hielten die Befragten dort das Original für KI-gestützt. Die Verwechslung läuft in beide Richtungen. Bewertet wurden die beiden Moderatorenbeiträge ähnlich: authentisch 76 zu 74 Prozent, Informationen glaubwürdig 44 zu 48 Prozent zugunsten des Originals.
Sascha Devigne, dessen Regionalsender Studio47 früh auf KI in Produktion und Moderation gesetzt hat, damit die Redaktion mehr Zeit für Inhalte hat, hat in einem Vortrag bei den Lokalrundfunktagen 2024 aus dieser Untersuchung berichtet – nicht zuletzt, weil er einer der Avatare war, die den Nutzer:innen präsentiert wurden: keine Irritation beim Ansehen von KI-Avataren, den Unterschied zwischen echt und KI hätten die Zuschauer oft nicht erkannt.
Mit den Erkennungsraten deckt sich Saschas Wiedergabe. Dieselben Befragten nennen aber Bedingungen: Eine Kennzeichnungspflicht halten 74 Prozent für (sehr) wichtig, eine verbindliche Rechenschaftspflicht 69 Prozent, eine unabhängige Aufsicht 68 Prozent, freiwillige Verhaltensregeln 61 Prozent. Das Fazit der Autoren: Je mehr menschliche Kontrolle vorhanden ist, desto größer fällt die Akzeptanz aus.
Für das Vorlesen von Nachrichten halte ich KI-Präsentatoren für vertretbar
Es geht dabei um die Vermittlung von Information. Die soll ablenkungsfrei und deutlich geschehen, damit Nutzerinnen und Nutzer den Inhalt aufnehmen. Bei Formaten, in denen es um Emotion und Empathie geht, um Zwischenmenschliches, habe ich Vorbehalte. Möglicherweise belehrt uns die Macht des Faktischen da eines Besseren.
Das Publikum sah es Ende 2023 anders als ich. KI-gestützte Berichterstattung hielten 58 Prozent beim Wetterbericht für vertretbar, bei Nachrichten waren es 33 Prozent, bei Politik 27 Prozent.
Beiträge, die von „echten“ Moderatorinnen und Moderatoren präsentiert werden, würden sich 61 Prozent ansehen. Bei komplett von KI erstellten und präsentierten Beiträgen sind es 35 Prozent. Die Nutzungsbereitschaft für den gezeigten KI-Moderatorenbeitrag lag bei 37 Prozent, für den reinen Stimmbeitrag bei 55 Prozent. Meine Position steht damit gegen die Mehrheit der damals Befragten.
41 Prozent erhoffen sich mehr regionale Berichterstattung
41 Prozent sehen in KI eine Chance, mehr regionale Berichterstattung zu erstellen, 40 Prozent eine Chance für mehr Angebotsvielfalt, weil Produktionskosten sinken. Wer damit rechnet, sollte die andere Seite mitrechnen: Im Regionalfernsehen hing nach meinem Eindruck aus der Zeit als Moderator und Chefredakteur ein Teil der Glaubwürdigkeit an einem bekannten Gesicht.
Zwei Dinge, auf die ich bei jedem Angebot mit KI-Präsentation achten würde. Erstens: Steht die Kennzeichnung dort, wo jemand sie sieht, im Bild und in der Beschreibung, nicht im Impressum. Zweitens: Gibt es einen Menschen mit Namen, der den Beitrag freigegeben hat und für ihn geradesteht.
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